Achtung, Wildwechsel: Jede halbe Stunde ein Crash

Ostseezeitung Rostock, Seite 5, 17. Mai 2011

Rekord in Anklam:  Zwölf Zusammenstöße von Auto mit Hirsch und Co. registrierte die Polizei in einer Nacht. Die Versicherungen fordern, dass mehr Tiere geschossen werden.
Von Gerald Kleine Wördemann

Anklam – Eine Rekordserie von Wildunfällen hielt in der Nacht zu gestern die Polizei rund um Anklam (Landkreis Ostvorpommern) auf Trab. Fast jede halbe Stunde von 20 Uhr bis drei Uhr früh mussten die Beamten ausrücken, weil Hirsche und Rehe gegen Autos krachten. Zwölf Wildunfälle in sieben Stunden – „so oft ist das noch nie passiert“, sagt Hauptkommissar Andreas Furth vom Lagedienst der Polizei in Anklam. Alle Autofahrer blieben unverletzt, der Sachschaden beträgt rund 10.000 Euro.

Zusammenstöße mit Reh, Hase und Wildschwein gehören zu den häufigsten Unfallursachen überhaupt. Weitere Zahlen des vergangenen Wochenendes:

Im Raum Wismar musste die Polizei 13 Wildunfälle aufnehmen, elf waren es in Stralsund. „Im Frühjahr sind 30 Prozent aller Unfälle Wildunfälle“, sagt Wismars Polizeisprecher André Falke. Die warmen Monate nach dem Winter sind – neben der Brunft im Herbst – eine gefährliche Zeit, weil die männlichen Tiere ihre Reviere abstecken und besonders aktiv sind – was nicht selten am Kühler eines vorbeifahrenden Autos endet. „Meist passiert es Einheimischen, die sich eigentlich auskennen müssten“, sagt Axel Falkenberg, Polizeisprecher in Anklam.
„Die Zahlen sind seit Jahren unverändert hoch“, klagt Klaus Brandenstein, Wildunfall-Experte vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. Gut eine viertel Million Unfälle verursachen pro Jahr einen Schaden von mehr 500 Millionen Euro. Brandenstein hat einen Schuldigen ausgemacht: Der Bestand an Wild in den Wäldern sei zu hoch. „Die Jäger müssten mehr abschießen“, sagt der Experte.
Ein anderes Mittel gebe es nicht. Der Versicherungsverband hat sechs Jahre lang Mittel, wie Duftzäune und Blinklichter am Straßenrand, die Wildschwein und Co. abschrecken sollen, wissenschaftlich untersucht. Ergebnis: „Es bringt nichts“, sagt Brandenstein.
Für die Rekordserie von Anklam ist möglicherweise der Mond mitverantwortlich. Zurzeit ist eine Vollmondphase mit hellen Nächten. „Bei Helligkeit verschiebt sich das Aktivitätsmuster von den Dämmerungsstunden schon einmal in die Nacht hinein“, sagt Sven Blomeyer vom Landesforst MV. Normalerweise sind die Tiere eher vor Einbruch der Dunkelheit rege.
Menschen werden eher selten verletzt. Dennoch weist die Unfallsstatistik von MV für 2010 137 Verletzte durch Wildwechsel-Unfälle sowie einen Toten aus. Bundesweit wurden 2009 13 Menschen getötet sowie 2800 verletzt.
Die Rechnung für die Blechschäden übernimmt in der Regel die Kfz-Versicherung. Aber nur, wenn der Unfall von Polizei oder Forstamt als Wildunfall aufgenommen wurde. Es gibt Einschränkungen. Die Policen decken meist nur Schäden durch Haarwild ab. Kommt es zum Crash mit einem Vogel und einem Haustier wie einer Kuh, zahlen viele Versicherungen nicht. Experten raten zudem, nicht auszuweichen, wenn ein Zusammenstoß droht. Ausweichmanöver sind immer gefährlich. Und landet der Wagen im Graben oder am Baum, lässt sich nachher kaum beweisen, dass Wild der Auslöser war.

Gefahr im Frühling und im Herbst
20 Prozent aller Rehe sterben nach Angaben des Deutschen Jagdschutzverbandes im Straßenverkehr. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland 99.500 Rehe, 28600 Wildschweine, 7200 Hirsche bei Unfällen getötet. Dabei starben 13 Menschen, 2800 wurden verletzt. Autofahrer sollten in Waldgebieten vom Gas gehen, und Wildwechsel-Zeichen beachten. Gehäuft treten die Unfälle im Herbst und Frühjahr auf. Kreuzt Wild die Straße und es ist zu spät zum Bremsen, sollten Fahrer nicht ausweichen – andernfalls drohen noch schwerwiegendere Unfälle.

Anmerkungen des ÖJV Mecklenburg-Vorpommern:

Der Artikel bringt es ungewohnt deutlich auf den Punkt: „Es bringt nichts.“ Gemeint sind die immer phantasiereicheren Versuche, in irgendeiner Weise etwas gegen Wildunfälle zu tun, ohne das eigentliche Problem anfassen zu müssen, nämlich die Höhe der Wildbestände. Auch in M-V gibt es ein mit Mitteln der Jagdabgabe gefördertes und vom LJV getragenes Projekt, das da lautet „Umsetzung der Konzeption zur Bekämpfung der Wildunfälle“. Im Zwischenbericht zu diesem mehrjährigen Projekt werden „als wildunfallvermindernde Maßnahmen“ 9 Punkte vorgestellt. Ganz hinten (!) findet sich: „Ggf. Erhöhung der Abschusszahlen“ – soll also heißen: Wenn die ganzen anderen kosmetischen Korrekturen gar nichts mehr helfen, könnte das im Ausnahmefall in Betracht gezogen werden….

Leider ist es angesichts der horrenden Schäden und Kosten nicht zum Lachen, was hier passiert. Hoffentlich wachen noch mehr Versicherungen auf und bauen Druck zur Reduzierung der Wildbestände auf. Davon würde die gesamte Gesellschaft, der Wald und die Natur profitieren. Von der gegenwärtigen Situation profitiert nur eine Schicht von 0,3% der Bevölkerung, und deren Veränderungsresistenz ist bekannt.

 

 

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