Baden-Württemberg ist Wolferwartungsland

Tagung zum Umgang mit zurückkehrenden Beutegreifern
Stuttgart – Wildbiologen rechnen damit, dass Wölfe wieder nach Baden-Württemberg einwandern könnten. „Wenn die nächsten und derzeit wachsenden Wolfsbestände im italienisch-französischen Alpengebiet keine 300 km von Baden-Württemberg entfernt sind, müssen wir uns auf die Rückkehr von Meister Isegrim einstellen“, so Minister Peter Hauk bei der Eröffnung der Fachtagung ‚Von Wölfen und Menschen: Wie gehen wir mit zurückkehrenden Beutegreifern um?’. Wie hierauf aus Sicht des Artenschutzes zu reagieren ist, stand im Mittelpunkt der gemeinsam von Naturschutzbund NABU, der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg und dem Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum organisierte Tagung am Montag, 30. März 2009 im Haus der Wirtschaft. Der Kongress beleuchtet die Lage der sich in Europa ausbreitenden Wolfspopulationen und erörtert zahlreiche Fragen im Umgang mit diesem großen Beutegreifer. Hierzu nehmen über 150 namhafte Wildbiologen, Naturschutzpraktiker und Vertreter der Jagd aus dem In- und Ausland teil. Die Veranstaltung soll dazu dienen, dass sich Baden-Württemberg auf den ersten Wolf vorbereitet.

„Den meisten Menschen bei uns in Mitteleuropa ist gar nicht bewusst, das wir längst unter Millionen von Wölfen leben“, so Claus-Peter Hutter, Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg. Die über 5 Millionen Hunde, die es in deutschen Haushalten gibt, stammen nämlich alle vom Wolf ab. Im Durchschnitt werden jährlich etwa 50.000 Menschen von Hunden gebissen, das sind rund 137 pro Tag. Davon stirbt Jahr für Jahr ein Mensch an den Folgen von Hundebissen. Den Menschen sei der Wolf – der dem Menschen aus dem Wege geht – dagegen noch fremd. Deshalb ist laut Hutter breite Umweltaufklärung für die bedrohte und streng geschützte Tierart erforderlich.

Solche Überlegungen sind notwendig, weil die Wolfspopulationen zusammen mit Bär und Luchs europaweit wieder leicht zunehmen. Derzeit dürften in Europa außerhalb Russlands rund 18.000 bis 20.000 Wölfe leben, aufgeteilt auf mehrere, teilweise isolierte Teilpopulationen. Der Wolf ist im europäischen und deutschen Artenschutzrecht als eine streng geschützte Tierart eingestuft. Dies ist ein Grund, weshalb Wölfe seit 2000 auch in Deutschland wieder Fuß fassen. „In der Lausitz (Sachsen) an der Grenze zu Polen leben inzwischen fünf Wolfsfamilien mit einer Gesamtpopulation von schätzungsweise vierzig Tieren“, erklärte Dr. Andre Baumann, Vorsitzender des NABU Baden-Württemberg. Einzelne Wölfe wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Niedersachsen, Hessen und Bayern gesichtet. 2006 wurde südwestlich von München ein Wolf überfahren. Bei einer genetischen Untersuchung wurde festgestellt, dass er der italienisch-südfranzösischen Wolfspopulation der Westalpen und des Apennin zuzurechnen ist. Dieser Wolf ist wahrscheinlich über die Schweiz und Vorarlberg nach Bayern eingewandert und hätte gut in Baden-Württemberg auftauchen können, wenn er seine Wanderroute ein wenig nach Norden geschwenkt hätte. Da die Wolfspopulation in Italien, Spanien und Südfrankreich weiter anwachsen und es somit zur Abwanderung vor allem junger, sehr mobiler Wolfsmännchen kommen wird, müssen wir uns in den nächsten Jahren nach den Feststellungen von Wildbiologen auf den Wolf einstellen. „Damit ist auch in Baden-Württemberg mit dem Wolf zu rechnen“, unterstreichen die Veranstalter des ersten baden-württembergischen Wolfskongresses.

Durch Umweltbildung ein realitätsnahes Wolfsbild vermitteln
„Es ist ermutigend, dass die Rückkehr vor langer Zeit ausgerotteter Tierarten in ein hoch industrialisiertes und dicht besiedeltes Land möglich ist“, stellte Claus-Peter Hutter, Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz fest. Obwohl das Interesse in der Bevölkerung an Wildtieren groß sei, werde dem Wolf noch häufig mit Skepsis und alten Vorurteilen begegnet. Dieses wenig positive, oftmals noch durch Märchen und andere Erzählungen geprägte Wolfsbild, sei nicht gerechtfertigt. Zum einen entstamme es einer Zeit, als die Menschen viel mehr existenziellen Gefahren ausgesetzt waren als heute und oft große Not litten. Wölfe wurden daher vor allem von armen Leuten als als Gefahr für Leib und Leben angesehen. Zum anderen lebe der Wolf in Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland oder Rumänien in enger Nachbarschaft mit dem Menschen, ohne dass es zu ernsthaften Konflikten komme. Der Beutegreifer gehe dem Menschen nach Möglichkeit sogar aus dem Wege.

Auch wissenschaftliche Studien und Erfahrungen aus Ländern mit etablierten Wolfsvorkommen zeigen, dass die dem Wolf nachgesagte Gefährlichkeit gegenüber Menschen weit übertrieben ist. Angriffe auf Menschen sind extrem selten und konnten nur unter außergewöhnlichen Umständen beobachtet werden, etwa wenn Wölfe an Tollwut erkrankt waren. Ursächlich war teilweise das Fehlverhalten des Menschen gegenüber diesem Wildtier. So wurden Wölfe beispielsweise in die Enge getrieben und zum Angriff regelrecht provoziert oder wie Haustiere gefüttert, so dass ihre instinktive Scheu gegenüber dem Menschen verloren ging. Für den Menschen besteht nach den Erfahrungen aus Rumänien und anderen Ländern gegenüber dem scheuen Wildtier keine Gefahr. Im Übrigen gelte die Prämisse, dass große Beutegreifer wie der Wolf in unserer Kulturlandschaft auf die Toleranz des Menschen angewiesen sind.

Handlungsleitfaden Wolf
Deshalb ist auch im Hinblick auf die Prävention von möglichen Schäden laut Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum eine gute Vorbereitung der Bevölkerung ebenso nötig wie eine tragfähige Strategie im Sinne des Wildtiermanagements. Auch wenn Wölfe keine Feinde des Menschen seien, so erjagen sie als Fleischfresser vor allem Rehe, Wildschweine und Rotwild, wobei sie in erster Linie alte, kranke, schwache und junge Tiere zur Strecke bringen, da diese am leichtesten zu erbeuten sind. Ein spürbarer Einfluss des „Beutekonkurrenten Wolf“ auf die Schalenwildstrecken der Jäger im sächsischen Wolfsgebiet konnte entgegen den Befürchtungen der dortigen Jägerschaft bislang nicht festgestellt werden.

Da Wölfe zwischen wilden und vom Menschen gezüchteten und genutzten Huftieren nicht unterscheiden können, sind in Wolfsgebieten Übergriffe vor allem auf Schaf- und Ziegenherden nie ganz auszuschließen. Wie die Erfahrung gezeigt habe, seien hiervon aber nahezu ausschließlich Weiden betroffen, die von ihren Besitzern nicht ausreichend geschützt wurden wie das einst Tradition war – etwa durch spezielle Herdenschutzhunde oder heute gebräuchliche Elektrozäune. Dies sei schon heute durch streunende Hunde ein Problem, werde aber oft nicht beachtet. Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere lassen sich durch bewährte Schutzmaßnahmen auf ein Minimum reduzieren – wenn auch nicht gänzlich ausschließen. Der Schutz von Wölfen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb müsse der Schwerpunkt auf der Prävention liegen. Hierzu bedarf es vor allem auch eines Monitorings zuwandernder Wölfe.

Der Wolf hat nach über 160jähriger Abwesenheit in Deutschlands Südwesten – 1847 wurde der letzte Wolf Württembergs im heutigen Naturpark Stromberg erschossen – in verschiedenen großen zusammenhängenden Waldgebieten eine Chance, wenn wir durch ein vorsorgendes Wildtiermanagement und Toleranz gegenüber dem Leben ein auskömmliches Miteinander mit dem zu erwartenden Rückkehrer ermöglichen, so eines der zentralen Fazite der Tagung.

Steckbrief Wolf
Wölfe erbeuten auch ungeschützte Nutztiere wie Schafe und Ziegen. Der Wolf gehört zur Ordnung der Carnivora (Fleischfresser) und dort in die Familie der Canidae (Hund) mit der Gattung Canis (echte Hunde). Der Schäferhund stammt vom Wolf ab.

Mitteleuropäische Wölfe wiegen bei einer Schulterhöhe von 50 bis 100 cm durchschnittlich 28 bis 38 kg. Der Körperbau weist den Wolf (Canis lupus) als ausdauerndes Lauftier aus. Die Ohren der grau bis bräunlich gefärbten Wölfe sind relativ klein und dreieckig, der gerade und buschige Schwanz wird meist herabhängend getragen. Oft haben Wölfe eine schwarze Schwanzspitze und einen dunklen Sattelfleck. Wölfe sind soziale Tiere und leben in Rudeln mit starken Bindungen. Im Alter von 10 bis 22 Monaten verlassen die Jungwölfe das Rudel und suchen nach einem Geschlechtspartner und einem eigenen Territorium. Dabei wandern die jungen Rüden oft mehrere hundert Kilometer weit. Der Wolf ernährt sich von Aas, Kleinsäugern bis zu großen Huftieren wie Reh-, Rotwild und Wildschweine. Durch das Leben in Rudeln können Wölfe Tiere erbeuten, die ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichtes haben. Feldstudien zeigen, dass ihre Beute zu 60 Prozent junge, schwache oder alte Tiere sind.

Die ökologischen Bedingungen für Wölfe haben sich in den letzten 100 Jahren verbessert: Der gestiegene Waldanteil und die ausreichende Zahl an Hirschen und Rehen bieten diesen Großsäugern in Baden-Württemberg wieder eine Chance.

Herausgeber: NABU Baden-Württemberg (Naturschutzbund Deutschland e.V.) Tübinger Str. 15, 70178 Stuttgart
Redaktion: NABU Baden-Württemberg – Pressestelle, Hannes Huber
Hannes.Huber@NABU-BW.de, Tel. 0711 / 966 72 – 16, Fax: 0711 / 966 72 – 33

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Eine Antwort auf Baden-Württemberg ist Wolferwartungsland

  1. Roland Weiland sagt:

    Ich finde es toll wenn nicht nur der Wolf sondern alle Tierarten
    die einst in Deutschland heimisch waren zurück finden.
    Ständig müssen Tiere und Pflanzen dem Menschen weichen
    nun ist es an der Zeit das der Mensch zurück weicht und sich aus der
    Natur herraus hält.
    Die gefärlichsten Kreaturen auf unserer Erde sind nicht die Tiere (Wolf)
    sondern der MENSCH.

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