Der halbwilde Wald – eine Buchbesprechung von Dr. Georg Sperber

PÖHNL, HERBERT: Der halbwilde Wald – Nationalpark Bayerischer Wald. Geschichte und Geschichten. 272 Seiten,
ISBN 978-3-86581-300-8. Mit DVD. Oekom Verlag, München 2012. 24,95 €

Im Oktober 2010 jährte es sich zum vierzigsten Mal, dass im Bayerischen Wald Deutschlands erster Nationalpark eröffnet wurde. Jetzt legt der Autor und Fotograf HERBERT PÖHNL als besonderen Jubiläumsbeitrag ein bemerkenswertes Buch zu dessen wechselvoller Geschichte vor. Nach eingehenden Recherchen, illustriert mit einer Vielzahl von Schwarz-weiß-Fotos, dokumentiert der Verfasser als Zeitzeuge und gewissenhafter Chronist das Geschehen. Als bekennender Freund der Nationalparkidee und einer der aktiven einheimischen Befürworter begleitet er die Entwicklung mit großer Anteilnahme, hält dabei aber mit Kritik am Handeln der Parkverwaltung nicht hinterm Berg.
Besonders eingehend beschrieben werden die Konflikte nach der umstrittenen Erweiterung des ursprünglich 13.000 Hektar großen Gebietes um Rachel und Lusen um weitere 11.000 Hektar Wälder im Gebiet des Falkensteins. Er versucht die Ängste, von fanatischen Unbelehrbaren gezielt geschürt, und die oft irrationalen Beweggründe der Nationalparkgegner zu deuten, hinterfragt das Vorgehen der Nationalparkverantwortlichen ebenso kritisch wie die wechselhaften Auftritte politischer Mandatsträger.
Die Auseinandersetzungen entzündeten sich ab dem Jahr 1983, verstärkt nach der Gebietserweiterung 1997, als die Hauptbaumart Fichte nach Sturmwürfen infolge Massenvermehrungen der Borkenkäfer großflächig abstarb, und die Nationalparkverwaltung nach dem Grundsatz Natur Natur sein lassen die üblichen Bekämpfungsmaßnahmen unterließ. 2004 waren die Fichten auf nahezu 4000 Hektar der ursprünglichen Nationalparkfläche von 13.000 Hektar abgestorben. Dieses dramatische Ereignis wird Schritt für Schritt dargestellt, aber auch die erstaunliche artenreiche Wiederbewaldung unter dem Trümmerhaufen modernder Fichtenleichen. Die Borkenkäferproblematik steht im Mittelpunkt der Nationalparkdiskussion der letzten 25 Jahre, und entsprechendes Gewicht räumt ihr PÖHNL in seiner Chronologie ein.
Tiere standen in der Diskussion um den Nationalpark Bayerischer Wald von Anfang an im Fokus der unterschiedlichen Interessen. In den Pionierjahren entzündeten sich die Konflikte allerdings nicht an den wenige Millimeter kleinen braunen Rindenfressern, dem Borkenkäfer Buchdrucker und seiner Brut. Es war der Rothirsch, der große braune Rindenfresser, der als Problemtier im ersten deutschen Nationalpark erkannt wurde. Inzwischen ist weitgehend vergessen, dass 1969 in der Geburtsstunde des Nationalparks, im Waldesdunkel anders als bei den spektakulären Borkenkäferschäden heute von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt, mehr als 3000 Hektar des damals 13.000 Hektar großen Schutzgebietes vom Rotwild durch Rindenschälen ruiniert waren. Der Nachwuchs an Weißtanne, dem natürlichen Charakterbaum des Bayerwaldes, war seit Jahrzehnten mit Stumpf und Stiel von den jagdlich heran gehegten allzu vielen Hirschen und Rehen aufgefressen worden.
Den mit der Leitung der Nationalparkverwaltung betrauten Forstbeamten war von Anfang an klar, dass das Schicksal eines Wald- Nationalparks sich an der Wald-Schalenwild-Problematik entscheiden werde. In der Werbekampagne für einen Nationalpark bedienten sich die Befürworter unter Leitung des Frankfurter Zoodirektors BERNHARD GRZIMEK, weltberühmter Naturschutzexperte und Fernsehstar, einiger bekannter Großtiere als Sympathieträger. Neben wiedereinzubürgernden Arten wie Wisent und Luchs stand der Rothirsch im Zentrum der Diskussionen. Die Gegner eines Nationalparks unter Führung der staatlichen Forstverwaltung stellten Schreckliches in Aussicht, sollten die Naturschützer in ihrem Wald das Sagen bekommen. Wolle man künftigen Besuchern Tiererlebnisse in freier Wildbahn ermöglichen, müsste man die bisher von Forstleuten im Interesse des Waldnachwuchses kontrollierten Bestände an Reh- und Rotwild so vermehren, dass deren Verbiss- und Schälschäden den Wald vernichten würden.
Dem Nationalparkamt gelang es, den seinerzeit bereits weithin bekannten Wissenschafts- und Fernsehjournalisten HORST STERN für ihr Anliegen zu interessieren. Nach zwei Filmbeiträgen zur Falknerei und zur Jagdhundeführung war STERN auch in Jägerkreisen damals hochgeschätzt.
Mit HORST STERNs „Bemerkungen zum Rothirsch“ in der ARD am Heiligen Abend 1971 war nichts mehr so wie bisher. Dieser Film gilt heute als Wendemarke in der Diskussion um die Schicksalsfrage unserer Wälder, dem „German Problem“ wie ALDO LEOPOLD, der legendäre Begründer der Wildbiologie, unsere Wald-Schalenwild-Problematik bezeichnete. Erstmals zeigte sich vor einem Millionenpublikum das forstlich-jagdliche Lager gespalten. „Der Sendetermin gilt daher als entscheidendes Datum für die forst- und jagdpolitische Diskussion in der Bundesrepublik“ schlussfolgert ULRICH SCHRAML (1998) in seiner Dissertation über die „Normen der Jäger.“ Im Rückblick auf sein Lebenswerk stuft STERN diesen Filmbeitrag als seinen wichtigsten ein mit Auswirkungen weit hinein in die Politik.
„Der deutsche Wald ist krank bis auf den Tod“. Mit dieser schockierenden Formulierung führte STERN in seinen Rotwild-Film ein. Nach dem Film wurde bisher Unvorstellbares plötzlich Realität: Hundert deutsche Forstwissenschaftler wandten sich in einer Erklärung an die Öffentlichkeit, mit der sie Sterns Aussagen unterstützten. Die weitere Entwicklung wurde richtungweisend vom Forstpolitikprofessor RICHARD PLOCHMANN beeinflusst, dem Initiator und Wortführer dieses in der konservativen Forstszene beispiellosen Vorgangs. Im freundschaftlichen Kontakt zu Stern wurde er zum Wegbereiter einer zeitgemäßen Jagd- und Forstpolitik. PLOCHMANN ermöglichte es, mit WOLF SCHRÖDER erstmals einen Vertreter der Wildbiologie auf die Position eines Jagdkundlers an die Universität nach München zu berufen. Folgerichtig gründete PLOCHMANN mit Forstleuten und Wildbiologen eine erste alternative Jagdorganisation, den Ökologischen Jagdverein.
Dank der Aufklärung durch HORST STERNs Rothirsch-Film gelang es der Nationalparkverwaltung innerhalb weniger Jahre im ursprünglichen Nationalparkareal das Schalenwildproblem zu lösen. Die gewandelte öffentliche Meinung und das Verständnis des damaligen Forstministers Hans Eisenmann machten auch unkonventionelle Ansätze wie den Bau der ersten deutschen Wintergatter möglich, die auch zum Abschießen der Überzahl an Hirschen benutzt wurden. Und selbst die Rückkehr des Luchses wurde von der Bevölkerung mehrheitlich begrüßt.
Wer heute nach vierzig Jahren die Wälder des ersten deutschen Nationalparks um Rachel und Lusen durchwandert, der kann ein Wunder bestaunen: Nicht nur unter den Fichtenfriedhöfen der Hochlagen entwickelt sich ein neuer Wald, artenreicher und natürlicher als vorher. In der Bergmischwaldzone darunter ist die verloren geglaubte Weißtanne wiedergekehrt. In den Anfangsjahren des Nationalparks geradezu als Symbol für das historische Versagen der Forstzunft und der Jagd zur Minderheit verkommen, füllt dieser natürliche Charakterbaum des Bayerischen Waldes wieder jede nach Ausfall der Fichten im Bergmischwald sich bietende Lücke mit Leben. Und mit der Tanne sind die anderen Mischbaumarten zurückgekehrt, der Bergahorn, die Vogelbeere, Birke, Salweide, Aspe, die Buche ohnehin. Überall gedeihen die sensibelsten Verbiss-Weiserpflanzen wie Weidenröschen oder der mannshohe Purpurrote Hasenlattich.
Diese Erfolgsgeschichte im ersten deutschen Nationalpark kommt in der von der Borkenkäferproblematik überlagerten Chronik PÖHNLs leider zu kurz. Die Bergwälder um Rachel und Lusen sind bis heute in den inzwischen elf deutschen Nationalparks mit größerem Waldanteil der einzige Ausnahme- und Vorzeigefall, wo sich die Waldvegetation wieder in natürlicher Weise entwickeln darf. Das „German Problem“ wartet trotz eines sich wandelnden Bewusstseins und einiger unübersehbarer Fortschritte weiterhin bundesweit auf eine nachhaltige Lösung. Der erste Nationalpark ist auch mehr als vierzig Jahre nach HORST STERNs Rotwild-Beitrag einer der überaus seltenen Ausnahme- und Vorzeigefälle in den deutschen Wäldern. Doch mit einer neuen Generation Weißtannen grünt hier, wo STERNs Film einst entstand, ein Denkmal, das von HORST STERNs historischer Aufklärungsleistung kündet. Daran sollte man sich erinnern, wenn dieser Ausnahmejournalist in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert.
Zurück zu HERBERT PÖHNLs Nationalpark-Geschichte. Ihr ist eine kostbare DVD beigegeben mit einer Fülle inhaltsreicher Fachbeiträge zur Vertiefung der Lektüre und mit allen wünschenswerten Details zu den Wander- und Informationszielen. Absoluter Höhepunkt: ein 55 Minuten-Farbfilm, von PÖHNL konzipiert, von den drei Brüdern OBERBERGER aufgenommen und produziert, dezent mit Kommentar und Musik unterlegt. Hier werden sensationelle Einblicke aus allen nur denkbaren, kaum für möglich gehaltenen Blickwinkeln in die zerfallenen und zauberhaft sich erneuernden Hochlagenwälder um Rachel, Lusen und Falkenstein geboten. Überwältigend die Sequenzen atemberaubender Flugaufnahmen mit einer kleinen ferngesteuerten fliegenden Kamera.
Herzlichen Dank, meine Sicht auf den halbwilden Wald, den Urwald von morgen, wurden um eine neue Dimension bereichert.

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